Die Besetzung der Staatssicherheitsbehörden

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) sollte das Machtmonopol der SED gewährleisten. Dazu zählten klassische Geheimdienstaktivitäten aber auch Überwachung, Bespitzelung und "Zersetzung" der eigenen Bevölkerung. Intern bezeichnete sich die Staatssicherheit (Stasi genannt) als "Schwert und Schild der Partei". Seit 1957 war das Politbüro-Mitglied Erich Mielke Minister für Staatssicherheit.
Bis Oktober 1989 beschäftigte das MfS über 90.000 hauptamtliche Mitarbeiter. Über 2.200 Offiziere besetzten bedeutende Positionen des Staatsapparates, des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft. Etwa jeder 62. Einwohner der DDR, insgesamt 174.000 Personen wurden vom MfS als inoffizielle Mitarbeiter geführt. Es wurden 100.000 Meter Akten zu sechs Millionen DDR-Bürgern und noch mal zwei Millionen zu Ausländern, hauptsächlich Westdeutschen, angelegt.
Bereits am 13. November 1989 ging die Allmacht der Staatssicherheit im Gelächter der Volkskammerabgeordneten unter, als der Minister für Staatssicherheit Mielke erklärte: "Aber ich liebe euch doch alle". In Erfurt begann am 4. Dezember die Besetzung von MfS-Behörden durch Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung. Noch am selben Abend erfolgte die Besetzung der Leipziger Stasi-Zentrale. Einen Tag später wurde die Dresdner Stasi-Zentrale besetzt, nachdem Arnold Vaatz und Herbert Wagner, Mitglieder der "Gruppe der 20", über das Radio zur Besetzung aufgerufen hatten.
Durch die Besetzungen wurde die Auflösung der in "Amt für Nationale Sicherheit" umbenannten Staatssicherheit von unten eingeleitet. Nach und nach übernahmen Bürgerkomitees die Überwachung der Auflösung und erhielten die Kontrolle über die Archive. Dadurch konnte die Aktenvernichtung und Spurenverwischung der Staatssicherheit unterbunden werden. Durch die Erstürmung der Berliner Stasi-Zentrale in der Normannenstraße am 15. Januar 1990 war die Betätigung der Staatssicherheit endgültig beendet.
Nicht nur der teilweise Erhalt der Stasi-Akten ist der Bürgerbewegung zu verdanken, sondern auch deren besondere Aufarbeitung. Im September 1990 besetzten Bürgerrechtler erneut die Stasi-Zentrale, als deren Bestand entgegen des Volkskammerbeschlusses im Einigungsvertrag dem Bundesarchiv in Koblenz zugeordnet werden sollte. Durch die erneute Besetzung erreichten sie, dass die Stasi-Unterlagen von einer eigenständigen Behörde betreut werden. Am 3. Oktober 1990 nahm die Gauck-(heute Birthler)-Behörde ("Beauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik") ihre Tätigkeit auf, um die Archivierung und Aktenbereitstellung für Privatpersonen, Institutionen sowie die Öffentlichkeit zu gewährleisten.

(Frank Uhlmann)