Montags- und Massendemonstrationen

Die Montags- bzw. Massendemonstrationen waren zentraler Bestandteil der friedlichen Revolution. Ausgangspunkt der Massenkundgebungen war die Leipziger Nikolaikirche. Nach dem Friedensgebet, das von den Nikolaikirchen-Pfarrern Christian Führer und Christoph Wonneberger geleitet wurde, fand am 4. September 1989 auf den Nikolaikirchhof die erste spontane und unorganisierte Montagsdemonstration mit über tausend Personen statt. Diese Kundgebung stand unter dem Eindruck der Massenflucht über die österreichisch-ungarische Grenze.
Die Teilnehmer forderten auf Transparenten die allgemeine Reisefreiheit. Da bundesdeutsche Journalisten anwesend waren, versuchte die Staatssicherheit, die Transparente zu entfernen und die Demonstration aufzulösen. Es folgten "Stasi raus"-Rufe. Eine Woche später kam es im Anschluss an das Friedensgebet zu Verhaftungen durch die Volkspolizei.
Am 9. Oktober 1989 erzielten die wöchentlichen Kundgebungen in Leipzig den Durchbruch zur Massendemonstration. Erstmals beteiligten sich cirka 70.000 Teilnehmer trotz der Angst vor gewalttätigem Eingreifen der Sicherheitskräfte. Die Furcht war mehr als berechtigt, denn nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens hatte die DDR-Führung durch Egon Krenz der chinesischen Regierung ihre Zustimmung zum brutalen Vorgehen signalisiert. Außerdem sahen sich die Demonstranten einem Großaufgebot von Sicherheitskräften von Polizei, Staatssicherheit, NVA und Kampfgruppen gegenüber. Es gab darüber hinaus bereits gewalttätige Einsätze gegen friedliche Demonstranten. Vor allem am 2. Oktober in Leipzig sowie während der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR am 7.und 8. Oktober in Ost-Berlin kam es zu massiven Übergriffen der Staatsmacht. Erst am 21. Oktober erließ der Innenminister der DDR eine interne Gewaltverzichtserkläung. Demnach waren Maßnahmen der Polizei gegenüber Demonstranten nur vorzunehmen, wenn von den Demonstranten Gewalt ausgehe.
Eine Woche nach der ersten Massendemonstration beteiligten sich bereits 120.000 Personen an der Leipziger Montagsdemonstration. In der darauf folgenden Woche am 23. Oktober erreichten die Monatagsdemonstrationen in Leipzig, die bis zu den Volkskammerwahlen im März 1990 fortgeführt wurden, ihren Höhepunkt – als man etwa 320.000 Teilnehmer zählte. Am Anfang der Demonstrationsbewegung waren die Forderungen überall ähnlich: Die Teilnehmer skandierten "Wir sind das Volk!", "Auf die Straße!", "Reiht euch ein", "Wir bleiben hier", "Wir sind keine Rowdies" und "Keine Gewalt". Als die Herrschaft der SED gebrochen war, differenzierten sich die Bürger(rechts)bewegung und die Forderungen. Während der Demonstrationen fand oft, wie in Leipzig, ein Dialog zwischen ausgewählten Demonstranten und Vertretern von Staat und Partei statt. Diese Gespräche verhinderten oftmals eine Eskalation der Gewalt.
Die Bürgerrechtsbewegung gab den Anstoß für eine breite Bürgerbewegung, die zugleich Ausdruck der Staatskrise war. Die beteiligten Demonstranten kamen aus den Oppositionsgruppen wie dem Neuen Forum. Aber auch unzufriedene SED-Mitglieder und vor allem die vielen einfachen Bürger, die ihre private Nische verließen und ihren Unmut äußerten, beteiligten sich. Sie alle handelten, ohne es zu ahnen, historisch. Maßgeblich die Friedfertigkeit der Demonstranten hat die bewaffnete Macht des SED-Regimes bezwungen. Auf alles waren die Machthaber vorbereitet, aber nicht auf den friedfertigen massenhaften Protest und dessen Symbole. Bei vielen Demonstrationen wurden Kerzen als (christliches) Symbol der Hoffnung und Friedfertigkeit mitgeführt und beispielsweise vor Kirchen, dem Karl-Marx-Monument im damaligen Karl-Marx-Stadt, vor Polizeieinrichtungen, Stasi- und SED-Gebäuden abgestellt.
Den erfolgreichen Verlauf des friedlichen Protests prägten die ab September 1989 in Leipzig, später in Städten wie Plauen und Dresden permanenten und andauernden Demonstrationen. Einen nicht zu unterschätzenden Anteil hatten ferner die westdeutschen Medien, die die Ereignisse in der DDR und im Ausland publik machten. Parallel kam es in fast allen osteuropäischen Ländern zu ähnlichen Protestformen.

(Frank Uhlmann)