Der 17. Juni 1953 - Aufbau, Streik, Flucht

Der Aufbau stottert
Walter Ulbricht proklamierte in der DDR Anfang der 1950er Jahre den „Aufbau des Sozialismus“. Aber die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich zusehends. Bäuerliche Betriebe wurden kollektiviert, private Unternehmen unterdrückt und die Schwerindustrie gefördert. Versorgungsengpässe waren die Folge. Zudem entzog die neue kasernierte Volkspolizei dem Arbeitsmarkt Fachkräfte. Weitere flüchteten. Allein im Jahr 1952 gingen über 184.000 Menschen in den Westen. Viele die blieben, hofften mit dem Tod Stalins auf Reformen.

Zehn Prozent zuviel

Das SED-Zentralkomitee wollte mit einer Reihe von Beschlüssen den wirtschaftlichen Fehlentwicklungen entgegensteuern. So wurde auch eine Erhöhung der Arbeitsnorm um zehn Prozent beschlossen. Mehr Arbeit bei gleichem Lohn - das Prinzip lehnten viele Arbeiter ab. Mit Verweis auf „begangene Fehler der Regierung und der staatlichen Verwaltungsorgane“ und auf sowjetischen Druck wurden einige Beschlüsse zurückgenommen. Die Normerhöhung blieb. Dieser „Neue Kurs“ sorgte kaum für Entspannung. Im Gegenteil: weite Teile der Bevölkerung
sahen darin eine Bankrotterklärung.

Freiheit und mehr Lohn
Am 16. Juni kam es zu ersten Arbeitsniederlegungen in Berlin und Leipziger Vororten. Am nächsten Tag streikten und demonstrierten Menschen in weiten Teilen der DDR. Sächsische Zentren des Aufstandes waren u.a. Görlitz, Niesky, Leipzig und Dresden. Die Demonstrationen mit den Parolen „Weg mit Ulbricht“, „Freie Wahlen“ oder „Freiheit und mehr Lohn“ blieben anfangs meist friedlich. Später besetzten Demonstranten öffentliche Gebäude, Häuser der SED und parteinaher Institutionen. Es wurden auch Gefängnisse gestürmt und politische Häftlinge befreit. Vereinzelt kam es zu Übergriffen auf Funktionäre. In Görlitz konstituierte sich ein zwanzigköpfiges Komitee zur provisorisch Leitung der Stadt und gründete eine Bürgerwehr gegen Plünderungen und Vandalismus. In Zwickau demonstrierten 200 Kumpel der Wismut, von denen anschließend 36 verhaftet wurden. In Dresden und Leipzig zogen Tausende protestierend die Straßen auf und ab. Immer mehr Betriebe traten in den Ausstand.

Panzer rollen, Menschen fliehen
Die Polizei war überfordert. In den Aufstandszentren schritten sowjetische Truppen ein. Panzer rollten. Teils mit Waffengewalt wurden die meisten Demonstrationszüge in den Städten aufgelöst. Trotz dieser Machtdemonstration traten einige sächsische Betriebe noch am 18. Juni in den Ausstand, andere, wie die Stahlwerke in Riesa oder Betriebe in Freiberg und Dresden, streikten einige Tage weiter. Nach dem 17. Juni stieg die Verfolgung Oppositioneller auch in Sachsen stark an. Die Haftanstalten in Bautzen, Waldheim und Zwickau füllten sich. Immer mehr Menschen flohen in den Westen. Von der Gründung der DDR bis zum Bau der Berliner Mauer 1961 verließen über 2,5 Millionen Menschen ihre Heimat.

Marko Förster