Besonderheiten der Judenverfolgung in Sachsen

Sachsen als "Rüstungsschmiede"
Sachsen war das Zentrum der deutschen Rüstungsindustrie im Dritten Reich. In Sachsen gab es keine KZ-Stammlager, dafür aber fast 40 Außenlager von KZs, die überwiegend Arbeiter für die Rüstungsindustrie stellten. 1944 arbeiteten 375.000 Fremdarbeiter in Sachsen, viele davon Juden, dies war ein Fünftel der Gesamtbelegschaft sächsischer Firmen. Die genaue Zahl der Inhaftierten ist unbekannt, was man aber weiß ist, dass die Überlebenschance in diesen Lagern, in denen „Vernichtung durch Arbeit“ betrieben wurde, oftmals äußerst gering war.

Gauleiter Mutschmann - ein Antisemit aus Überzeugung

Eine weitere „Besonderheit“ bei der Judenverfolgung in Sachsen ist durch die Person des Gauleiters Martin Mutschmann begründet. Er war ein besonders militanter Antisemit, der bereits sehr frühzeitig und zum Teil auch in vorauseilendem Gehorsam Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung ergriff. Mike Schmeitzner bezeichnet ihn als einen fanatischen, bisweilen obsessiven Antisemiten mit einem großen Hang zu persönlichen Willkürakten. Beispielsweise gab es schon 1933 ein Geheimes Staatspolizeiamt für Sachsen und 1935 wurde eine so genannte „Judenabwehrstelle“ in Dresden gegründet. Mutschmann war persönlich mit Julius Streicher, dem Herausgeber des „Stürmer“ befreundet. Er betätigte sich wiederholt als antisemitischer „Hassprediger“ und führte quasi einen persönlichen Feldzug gegen die Juden.

Die Todesmärsche in Sachsen
Ein Aspekt der Judenverfolgung, von dem Sachsen in stärkerem Ausmaß betroffen war, als andere Regionen des Deutschen Reiches waren die so genannten Todesmärsche. Sie fanden von Januar bis Mai 1945 statt und ihr Ziel war es, die Häftlinge der KZs und ihrer Außenstellen vor den herannahenden Truppen der Roten Armee in andere Arbeitslager weiter westwärts zu bringen. Auch wenn der Zweck dieser Märsche und Transporte per Güterzug nicht ausdrücklich die Liquidierung der Häftlinge war, so sorgten doch die Umstände, unter denen diese Todesmärsche stattfanden (klirrende Kälte, keine Verpflegung, mangelhafte Bekleidung etc.) dafür, dass die Häftlinge nur eine geringe Überlebenschance hatten. Im Rückblick zeigte sich, dass diejenigen, die in den Lagern zurückbleiben mussten, eher überlebt hatten.

Wie bereits erwähnt, gab es zahlreiche Außen- und Nebenlager der KZ Stammlager, die in Sachsen angesiedelt waren. So hatte beispielsweise das KZ Groß-Rosen eine Außenstelle bei Kamenz und das KZ Flossenbürg eine Außenstelle bei Flöha. Wie aus den Stammlagern so wurden auch aus diesen Außenstellen die Gefangenen in Marsch nach Westen gesetzt. Zumeist waren es jüdische Frauen, die über Sachsens Straßen westwärts getrieben wurden. Dabei sind die Häftlinge oft reihenweise gestorben, zum Teil erinnern heute Mahnmale an diese Schicksale. Über die genauen Opferzahlen gibt es bis heute keine Klarheit, man geht aber davon aus, dass ein Drittel bis die Hälfte derer, die in Marsch gesetzt wurden, dabei ums Leben kamen. Die historische Aufarbeitung der Todesmärsche in Sachsen dauert zum Teil noch an, das Schicksal zahlreicher jüdischer Häftlinge, die in Sachsen zu Tode gekommen sind wird wohl für immer ungeklärt bleiben.

Annette Rehfeld-Staudt