Stationen der Judenverfolgung in Sachsen

1933 lebten in Sachsen rund 20.500 Juden, dies entsprach etwa 0,4 Prozent der Gesamtbevölkerung. Im Deutschen Reich insgesamt lag der jüdische Bevölkerungsanteil bei ungefähr 0,7 Prozent. Sachsen lag damit unter dem Durchschnitt des Deutschen Reiches und auf dem vierten Platz hinter Preußen, Bayern und Baden. Die Juden bildeten somit nur einen winzigen Bruchteil der sächsischen Bevölkerung.

Wie im gesamten Kaiserreich so herrschte auch in Sachsen ein latenter Antisemitismus, der sich jedoch vergleichsweise früh Bahn brach. Bereits 1882 fand ein erster internationaler antijüdischer Kongress in Dresden statt, ein weiterer folgte ein Jahr später in Chemnitz. In Leipzig erschien 1907 erstmals das „Handbuch zur Judenfrage“, eine antisemitische Hetzschrift, die es während der Zeit des Nationalsozialismus auf 49 Auflagen brachte. Bei allen Reichstagswahlen seit 1930 konnte die NSDAP in Sachsen überdurchschnittliche Erfolge verzeichnen, Sachsen entwickelte sich somit zu einer „braunen Hochburg“.

Anti-Jüdische Wirtschaftspolitik
Eine der ersten Maßnahmen der Judenverfolgung in Sachsen bestanden in einer anti-jüdischen Wirtschaftspolitik. Im April 1933 gab es einen von der NSDAP ausgerufenen Boykott jüdischer Geschäfte, Praxen und Anwälte. Die Juden wurden ferner durch das Gesetz über das Berufsbeamtentum systematisch aus allen Ämtern und Behörden entfernt. Bis November 1933 wurden aus der sächsischen Verwaltung 1803 Beamte aus politischen Gründen entlassen bzw. in den Ruhestand versetzt.

Durch das Gesetz über die Umwandlung von Kapitalgesellschaften von 1934 und die Nürnberger Gesetze fand eine schleichende Enteignung von jüdischen Unternehmern im gesamten Deutschen Reich statt. Diese Maßnahmen der Arisierung waren zwar weniger auffällig als die „Judenboykotte“, zu denen es später kam, sie entzogen jedoch einem Großteil der jüdischen Bevölkerung ihre Lebensgrundlage.

Die Pogromnacht und ihre Wirkungen
In der Pogromnacht 1938 wurde die Mehrzahl der Synagogen in Sachsen zerstört, es gab viel positives Echo aus der Bevölkerung, der Widerstand gegen die anti-jüdischen Maßnahmen war gering. Clemens Vollnhals spricht von einem „ungeduldigen Antisemitismus der Straße“.  558 jüdische Männer wurden in KZs verschleppt. Im gleichen Jahr wurden 2804 polnische Juden aus Sachsen nach Polen abgeschoben. Nach den Novemberpogromen existierte in Sachsen kein selbständiges jüdisches Leben mehr, Ghettoisierung, Verelendung und Zwangsarbeit waren die Regel.

Ab 1939 wurden die Juden in den sächsischen Städten in so genannten Judenhäusern zusammengepfercht. Grundlage dafür war das Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden, das die Vermietung von normalem Wohnraum an jüdische Bürger verbot. Ein anschauliches Bild vom Leben in den Dresdner Judenhäusern gibt Victor Klemperer in seinen Tagebüchern.
Neben den durch zentrale Gesetze vorgeschriebenen Maßnahmen gab es jedoch auch eine Fülle von antisemitischen Schikanen auf unterer Ebene, die oft von der Parteibasis vor Ort ausgingen und das Leben der Juden in Sachsen unerträglich machen sollten. So durften beispielsweise Juden ab Sommer 1933 in Plauen keine städtischen Schwimmbäder mehr besuchen. Der Regierungspräsident zu Bautzen-Dresden verbot im August 1940 den Juden das Betreten des Königsufers sowie sämtlicher städtischer Parkanlagen. Die Dresdner Aufsichtsbehörde untersagte 1942 den Juden den Erwerb von Blumen und Speiseeis. Ältere Juden wurden gezwungen, bei hochsommerlichen Temperaturen stundenlang in Wintermänteln durch die Stadt zu laufen.

Im November 1942 wurde schließlich das so genannte „Judenlager Hellerberg“ in Dresden errichtet. Hier mussten die jüdischen Zwangsarbeiter leben, die im Rüstungsbetrieb Zeiss Ikon in Dresden arbeiteten. Im gleichen Jahr begannen auch die Deportationen von Juden in die Vernichtungslager, die bis 1945 anhielten. 1942 wurden beispielsweise 224 Dresdner Juden ins Ghetto von Riga transportiert. Von Dresden aus gingen viele Transporte nach Theresienstadt, von dort oft weiter nach Auschwitz.

Opferzahlen ungewiss
Die genaue Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus in Sachsen lässt sich nicht ermitteln, da für viele vor allem osteuropäische Juden Sachsen einen „Durchgangsstation“ auf dem Weg in die Vernichtungslager war. Während die Zahl der sächsischen Juden durch Deportationen immer geringer wurde, kamen gleichzeitig Transporte mit KZ-Häftlingen nach Sachsen zur Arbeit in der Kriegsindustrie. Ab Ende 1944 gelangten so beispielsweise Transporte mit ungefähr 5000 KZ-Häftlingen alleine nach Dresden. Sie wurden häufig zunächst zur Arbeit in sächsischen Rüstungsbetrieben gezwungen und lebten bzw. starben in Arbeitslagern in Sachsen bevor ihr Weg weiter ostwärts in die Vernichtungslager führte. Insgesamt sind rund sechs Millionen Juden dem Holocaust zum Opfer gefallen. Man geht davon aus, dass es sich bei rund 160.000 Opfern um deutsche Juden gehandelt hat. 1933 lebten in Dresden 5000 Juden, 1942 waren es noch 985, bei Kriegsende noch 41. 1933 lebten in Leipzig 11.646 Juden, im Januar 1942 waren es noch 2000 bei Kriegsende 15 bis 20.

Annette Rehfeld-Staudt